Veganer Kreuzfahrtanbieter in Wissenschaftsbetrug verwickelt?

ein Schiff - by Diriye Amey - Flickr - CC BY 2.0

Irgendein Schiff

Die Unternehmen Vegan Travel und Kreuzfahrthammer offerieren vegane Flusskreuzfahrten. Eigentlich eine Bereicherung der pflanzenbasierten Freizeitgestaltung. Eigentlich – wäre da nicht ein übler Beigeschmack. Denn der Geschäftsführer der beiden Firmen bietet auch an, Diplomarbeiten für Studenten anzufertigen. Doktorarbeiten scheinen auch möglich zu sein.

Auftragssschreiber oder Ghostwriter verfassen Texte für andere. Gegen Bezahlung natürlich. Das können Biografien für Prominente, aber auch wissenschaftliche Arbeiten sein. Ob es in Ordnung ist, wenn ein berühmter Fußballer ein Buch veröffentlicht, das in Wirklichkeit von jemand anderes geschrieben wurde, sei mal dahingestellt.

Wie aber wäre es, wenn deine Ärztin, der Klassenlehrer deines Kindes, dein Rechtsanwalt oder die Bauingenieurin, die für die Statik deines Hauses verantworlich war, ihre Abschlussarbeiten gar nicht selber geschrieben hätten? Möglicherweise sollten sie ihre Berufe dann lieber nicht ausüben. Nicht zuletzt deshalb wird wissenschaftliches Ghostwriting als höchst problematisch gesehen. Der Deutsche Hochschulverband beispielsweise wirft der Branche vor, sie würde kommerziell Bachelor- bis Doktroarbeiten für Studierende schreiben. Dazu später mehr.

Die Wissenschaft an sich hat natürlich auch ihre Schattenseiten. Doch bei aller berechtigter Kritik: Ohne sie, könntet ihr diesen Text nicht lesen. Viele für uns selbstverständliche Annehmlichkeiten gäbe es nicht, wenn Menschen nicht forschen würden. Auch vegane Produkte. Wissenschaft ist also weder pauschal gut, noch schlecht. Es gibt zweifelhafte Forscher und Experimente, wie es auch bedenkliche Fleischesser und Veganer gibt. Negativbeispiele kommen überall vor. Doch das nur zum Verständnis. Kommen wir zum eigentlichen Thema.

Das Firmengeflecht

Das Unternehmen Vegan Travel bietet auf seiner Internetseite vegane Flusskreuzfahrten an. In Zusammenarbeit mit Kreuzfahrthammer. Beide Firmen haben denselben Geschäftsführer. Dieser wiederum ist zugleich Mitinhaber der EPSnet Internetstores. Das Unternehmen betreibt u.a. Ghostwriting-Seiten.

Die Produktpalette von hausarbeiten24, so einer der Namen, umfasst das Erstellen studentischer Hausarbeiten sowie von Diplom-, Examens-, und Magisterarbeiten. Auch Dissertationen scheinen möglich zu sein. Daneben existieren zwei weitere Ghostwriting-Seiten der EPSnet: campuswrite und diplomarbeiten24. Erstere ist quasi identisch mit hausarbeiten24; letztere präsentiert sich weniger offensiv und vermittelt mehr den Eindruck eines Beratungsdienstleisters.

Hausarbeiten24 hingegen bietet das Verfassen wissenschaftlicher Texte mit Sätzen an, wie: „Keine Zeit? Keine Lust? Keine Ahnung? Macht nichts, dafür gibt es uns !“

Der Geschäftsführer besagter Unternehmen hat auf Nachfrage von arschVegan bislang keine Stellungnahme zu den Vorwürfen abgegeben. Die Kooperationspartner, wie Catering-Service oder Medienpartner, die wahrscheinlich nichts von dem fragwürdigen Ghostwriting-Geschäft wussten, haben sich ebenfalls noch nicht geäußert (wobei ich denen auch nichts vorwerfe).

„Kein Kavaliersdelikt“

Fremdverfasste Doktorarbeiten seien einer der traurigen Höhepunkte des Wissenschaftsbetruges, erklärte der Wissenschaftstheoretiker Prof. Dr. Gerhard Fröhlich auf einer Fachtagung über wissenschaftliches Fehlverhalten. „Wissenschaftsbetrug ist kein Kavaliersdelikt, sondern kriminell“, betonte der Deutsche Hochschulverband. „Ghostwriter bringen die akademischen Grade und die Hochschulen, die sie verleihen, in Verruf. Das geht zu Lasten der großen Mehrzahl der Akademiker, die ihre akademischen Grade rechtmäßig durch Leistung erworben haben“, gibt der Verband zu Bedenken. Die Betrügenden könnten sich so „einen ungerechtfertigten Vorteil“ verschaffen, schreibt die JuristenZeitung.

Das Deutsche Cochrane-Zentrum an der Universität Freiburg plädiert daher für eine Null-Toleranz-Politik gegenüber Ghostwriting. Es gehört zum angesehenen, internationalen Cochrane-Netzwerk, bestehend aus Wissenschaftlern und Ärzten. „Ghostwriting ist kein Kavaliersdelikt und verstößt gegen die gute wissenschaftliche Praxis.“, heißt es in einem medizinischen Fachjournal. Die Regeln guter wissenschaftlicher Praxis sind jedoch die „Grundvoraussetzung allen wissenschaftlichen Arbeitens„. Ihre Missachtung trägt dazu bei, ein Bild in der Öffentlichkeit zu formen, dass Wissenschaftsbetrug gängige Praxis sei.

Dem ist aber nicht so. Wissenschaftsbetrug ist eher die Ausnahme. Wenn einmal zehn Negativbeispiele in den Medien die Runde machen, seien es Plagiatsvorwürfe, entsteht schnell ein verzerrter Eindruck. Bedenkt man allerdings, dass es weltweit Millionen von Forschern und Studien gibt, darunter Huntertausende in Deutschland, wird klar, wie leicht man das Ausmaß überschätzen kann.

Legal?

Rechtlich betrachtet, bewegt sich wissenschaftliches Ghostwriting mehr oder weniger in einer Grauzone. Die Rechtssprechung ist uneinheitlich. Um diese Gradwanderung hinzubekommen und sich dennoch juristisch abzusichern, werden u.a. die Auftragstexte in der Branche offiziell als Vorlage für Übungszwecke verkauft. Zudem wird darauf hingewiesen, dass fremdverfasste Arbeiten vom Auftraggeber nicht abgegeben und als eigenes Werk ausgegeben werden dürfen. Eine Vorgehensweise, wie sie auch auf besagter Ghostwriting-Seite, hausarbeiten24, zu finden ist. Wobei der Hinweis ein wenig versteckt erscheint, als vorletzter Punkt unter „Häufig gestellte Fragen„. Betrug im rechtlichen Sinne ist es also nicht. Aus Sicht der Wissenschaftscommunity ist der Begriff jedoch angebracht, wie oben dargelegt.

Es ist fraglich, ob ein Student mehrere Tausend Euro für eine Abschlussarbeit zahlen würde, nur um sie dann als Übungstext zu verwenden. Das Oberlandesgericht Düsseldorf bezeichnete eine derartige Annahme daher als „lebensfremd“. Vielmehr sei davon auszugehen, dass die Auftragstexte als eigene Arbeiten ausgegeben und zur Erlangung akademischer Abschlüsse eingereicht werden. Nicht zuletzt werde damit die Öffentlichkeit getäuscht. Der Kostenpunkt für eine Doktorarbeit kann bei etwa 10 000 bis 20 000 Euro liegen.

Gedanken

Es fällt mir nicht leicht, über die fragwürdigen Ghostwriting-Geschäfte zu berichten. Als Veganer freue ich mich natürlich grundsätzlich über neue vegane Angebote, wie die Flusskreuzfahrten. Gleichzeitig finde ich, das Kunden und Geschäftspartner ein Recht darauf haben, die Hintergründe eines Unternehmens zu kennen. Nur so kann man gegebenenfalls beurteilen, auf was man sich einlässt. Hinzu kommen die potenziellen Risiken, die gekaufte Abschlussarbeiten bergen. Mich beunruhigt die Vorstellung, dass es einige praktizierende Anwälte, Volkswirtschaftler und Ärzte geben könnte, die ihren Abschluss ohne die Mithilfe einer Ghostwriting-Agentur vielleicht nie geschafft hätten.

Mir ist bewusst, dass ‚vegan‘ nicht automatisch gut ist. Denn auch wir können z. B. zu viel Süßkram oder Fastfood essen. Auf der anderen Seite kann das vegane Leben eine Menge Vorteile mit sich bringen, wenn man es richtig macht. Ich wünsche mir, dass sich diese Art zu leben dauerhaft etabliert und mehr Menschen sie für sich entdecken. Gerade deshalb bin ich gegen eine Glorifizierung. Es ist nicht alles perfekt am Vegansein. Der Veganismus ist kein Allheilmittel. Nicht jedeR von uns ist wunderschön, hat volles Haar, eine samtweiche Haut und Traummaße. Manche von uns haben etwas an sich, was gesellschaftlich als Makel gesehen wird. Und doch können wir uns damit wohl fühlen. Auch vegane Bierbäuche wollen trainiert werden.

Glorifizierungen bauen eine nicht erfüllbare Erwartungshaltung auf. Wird sie nicht bestätigt, wenden sich die Menschen möglicherweise enttäuscht von der veganen Lebensweise ab. Daher sollten Probleme angesprochen und suspekte vegane Produkte oder Dienstleistungen im Vorfeld benannt werden.

Das alles hat mich letztlich dazu bewogen, über die Ghostwriting-Flusskreuzfahrt-Geschichte zu schreiben. Ein neues veganes Angebot, ja. Aber nicht auf wackeligen Beinen mit fraglichem Hintergrund. Ich denke, derartige Angebote haben auf Dauer eher das Potenzial der veganen Idee zu schaden, als sie zu fördern. Ich finde, indem wir selber über negative Aspekte berichten, nehmen wir bashenden Kritikern den Wind aus den Segeln und zeigen, dass wir eben keinem Dogma hinterherlaufen.

Auf der Internetseite preist Vegan Travel die Flusskreuzfahrten mit „auf der veganen Welle“ an. Vielleicht sollte es eher heißen: ‚auf der Woge des Erfolges der veganen Bewegung mitschwimmen wollend‘?

 

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2 Kommentare to “Veganer Kreuzfahrtanbieter in Wissenschaftsbetrug verwickelt?”

  1. Meist hat die Doktorarbeit ja mit den gesamten Studieninahlten wenig bis gar nichts zu tun und wirkt sich nicht auf das gesamtwissen, das später in den Beruf eingebracht wird, aus. Da ja heutzutage jeder Politiker, Journalist oder Manager einen gekauften, getürkten oder sonstwie unkoscheren Doktortitel hat, ist das okay, finde ich. Oder war das jetzt satirisch gemeint? Wer weiß . . .

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    • Nein, das ist keine Satire (jedenfalls von meiner Seite nicht).

      Wie ich in dem Artikel schreibe, hat eben nicht jeder einen gekauften Titel. Selbst wenn das so wäre, kann das doch keine Rechtfertigung dafür sein. Nur weil andere es auch machen? Fleisch und Eier essen andere auch. Trotzdem lebe ich vegan.

      Ich denke, dass eine Doktorarbeit sogar sehr viel mit den Studieninhalten vorher zu tun hat.

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