Newtopia: Bauernverbände und Fake-Veganerin inklusive?

Newtopia Logo - by Sat.1 - via presse-portal.tv

Das Fernsehen hat eine neue Reality-Show: Newtopia. Eine Verbindung zur Außenwelt haben die „Aussteiger“ durch einen hilfsbereit erscheinenden Landwirt names Heiko. So jedenfalls wird er präsentiert. In Wirklichkeit jedoch ist er Funktionär einiger landwirtschaftlicher Lobbygruppen. Und die Veganerin der Runde soll in Wahrheit eine Schauspielerin sein. Stimmt das?

Anfang der Woche startete Newtopia bei Sat.1. Das Konzept der „Reality-Show“: 15 Menschen wohnen auf einem abgegrenzten Stück Land, um dort möglicherweise ihre eigene kleine Welt zu erschaffen. Ob mit einer alternativen Gesellschaftsform oder auf althergebrachte Weise, das bleibt ihnen überlassen. Ein Jahr soll das Projekt dauern. Zahlreiche Kameras beobachten sie dabei. Im TV kann man das Geschehen verfolgen. Im Internet soll es laut Sat1 24/7-Livestreams geben. Gratis und kostenpflichtig. In der Genehmigung des Medienrates heißt es allerdings, dass „Aufzeichnungen von dem ‚Newtopia‘-Gelände live im Internet übertragen“ werden. Wirklich live ist es also wohl nicht. Dazu passt der Eindruck von arschVegan, dass der kostenlose Stream nach Werbeunterbrechungen genau dort weiterläuft, wo er vorher aufgehört hat.

Mit 5000 Euro Startkapital für die gesamte Gruppe haben die Bewohner begonnen. Außerdem mit zwei Kühen, 25 Hühnern, einem Fischteich und einem Handy. Neben etwas kultivierbarem Land steht ihnen eine Scheune zur Verfügung. Fließend Wasser ist vorhanden. Strom haben die Newtopianer noch keinen.

Politiker Heiko von den Bauernverbänden

Beim Umgang mit den Tieren soll Landwirt Heiko Terno den Bewohnern behilflich sein, wie Berliner Zeitung und Märkische Allgemeine im Vorfeld schrieben. Er solle eine „artgerechte Haltung“ gewährleisten. Auf der offiziellen Homepage des Formats wird Heiko die Rolle des vertrauenwürdigen Bauerns zugeschrieben. In den Fernseh-Zusammenfassungen erscheint er erstmalig gegen Ende von Folge 4. Vorgestellt wird er als „Nachbar-Bauer Heiko“. Im Internet-Livestream nimmt er jedoch schon seit Tagen eine wichtige Rolle für die Bewohner ein. Auch dort kommt er als hilfsbereiter Landwirt ohne Hintergedanken rüber. Er sorgt beispielsweise dafür, dass die Siedler Milch und Eier außerhalb des Geländes eingetauscht bekommen (sie dürfen das Gelände nicht verlassen), vermittelt ihnen eine kleine Melkmaschine und erledigt Vieles mehr in der Außenwelt für sie.

Bei genauerer Betrachtung erscheint Heiko Terno jedoch in einem anderen Licht. Er ist Produktionsleiter bei der konventionell wirtschaftenden Agrargemeinschaft Klein-Radden im Spreewald. Wohnort und Arbeitsstelle liegen etwa 60 Kilometer bzw. 40 Minuten mit dem Auto von Newtopia entfernt. Terno ist Vorstandsmitglied des Bauernverbandes Südbrandenburg und Vizepräsident des Landesbauernverbandes Brandenburg (LBV). Zumindest im Jahr 2012 war er zudem im Fachausschuss Bildung des Deutschen Bauernverbandes (DBV) tätig. Der DBV stellt die Dachorganisation der Landesbauernverbände dar. Sie alle vertreten die Interessen der konventionellen Landwirtschaft. Ihnen wird auch aus Reihen der Bauernschaft immer wieder vorgeworfen, sich vor allem für Großbetriebe einzusetzen. Seien es „Schweinehaltungskonzerne“ oder große Milchproduzenten.

Politisch ist Heiko ebenfalls aktiv. Er fungiert als Stadtverordneter und Kreistagsabgeordneter für die Freie Wählergruppe Bauern. Die Partei gehört zum Bauernverband Südbrandenburg. Ob die Siedler von Newtopia eine Ahnung von alledem haben?

Viel Milch = Kühen geht’s gut?

Im Newtopia-Livestream fiel Heiko mit der ein oder anderen fragwürdigen Behauptung auf. „Kühe müssen entweder fressen oder liegen. Alles andere ist Quatsch“, meinte er. Informationen aus einem Fachbuch des Deutschen Landwirtschaftsverlages lassen allerdings Zweifel an seiner Aussage aufkommen: Denn wenn man sie lässt, laufen die Tiere bis zu mehrere Stunden und Kilometer am Tag.

Beim gemeinsamen Abendessen mit den Bewohnern behauptete er, dass eine hohe Milchleistung ein Indikator dafür sei, dass es den Kühen gut gehe. Deshalb könne es den Tieren in den Massenbetrieben gar nicht schlecht gehen. Aber auch hier irrt der Funktionär der Bauernverbände. Aus einer Studie der Universitäten Göttingen und Bozen geht hervor, dass es Kühen, die viel Milch geben, nicht unbedingt gut gehen müsse. Die Milchleistung ist also kein Indikator für das Wohl der Tiere. Vorgetragen wurden die Ergebnisse auf einer Fachtagung für Züchtungsforschung.

Einige Verbandmitglieder betrachteten Heikos Mitwirken bei Newtopia zunächst skeptisch. Ihnen soll er entgegnet haben: „Wenn ich es nicht mache, kommt irgendso ein verrückter Öko-Veganer“, schreibt die Berliner Zeitung. Er wolle das Image der konventionellen Bauern in der Öffentlichkeiit verbessern.

Fake-Veganerin?

Verschiedene Medien berichteten darüber, dass die Veganerin unter den Newtopianern eine Schauspielerin sei (z. B. hier und hier). Ist Karolina vielleicht nur unter den Siedlern, um das Klischee einer militanten Veganerin zu bedienen und für Krawall zu sorgen? Was spricht dafür, was dagegen? Richtig ist wohl, dass sie tatsächlich mehrere Male in Scripted Reality-Formaten vor der Kamera zu sehen war. Auch einige kleinere Filmrollen soll sie bekommen haben.

Merkwürdig ist, dass wohl die Internetseite ihrer Schauspiel-Agentur gelöscht wurde, nachdem Sat.1 mit den Vorwürfen konfrontiert wurde. Der Sender hingegen habe erklärt, sie sei keine Schauspielerin, schreibt TV Today. In Newtopia wird sie als Studentin geführt. Auf ihrer Facebook-Seite gibt sich Karolina aber als Schauspielerin zu erkennen (die Seite ist mittlerweile offiziell nicht mehr erreichbar). Dort stand auch, dass sie Schauspiel studiert und Unterricht genommen habe. In der Web-Serie Helden der Hauptstadt hat sie eine Rolle. Zufälligerweise startet die Serie bald. Ist das Ganze also eine PR-Aktion? Schwer zu sagen.

Demgegenüber stehen folgende Aspekte: Ein Regisseur mit dem Karolina zusammenarbeitete, versichert, dass sie wirklich Veganerin sei. Das erzählte er gegenüber den Boulevardmagazinen Promiflash und InTouch. Für sie spricht zudem ihr veganpraktisches Wissen, welches sie im Livestream zeigte. Z.B. was die Bedeutung des Hinweises „Kann Spuren von … enthalten“ auf Verpackungen meint. Und schließlich, wenn ich es richtig mitbekommen habe, hat Karolina ein Vegan-Tattoo.

Fernsehkritik

Verglichen mit den üblicherweise gescripteten Pseudo-Dokus, die vor allem im Privatfernsehen das Programm beherrschen, ist Newtopia sicherlich sehr viel näher an der Realität. Dennoch wird auch hier versucht, den Zuschauer zu beeinflussen. Zumindest in den wochentags im TV ausgestrahlten Zusammenfassungen lenken Schnitt, Musikauswahl, die Konstellation der KandidatInnen und der Offsprecher mit seinen Kommentaren den Zuschauer. Auch gibt es Hinweise auf gelegentliche, mehr oder weniger beeinflussende, Regieanweisungen. Auf diese Weise können bestimmte Bilder über die TeilnehmerInnen geformt werden. Die Frankfurter Rundschau bezeichnet das Vorgehen in Newtopia als „hochmanipulativ“.

Und doch übt zumindest der ‚Live’stream eine gewisse Faszination auf mich aus (abgesehen von den häufigen Werbeunterbrechungen). Nicht trotz der negativen Dinge, sondern vielleicht eher wegen dieser. Es reizt mich, die Geschichten weiter zu verfolgen.

[Update – 13.4.2015]: Heute hat sich bestätigt, was ich schon vor Wochen befürchtete: Newtopia ist doch gescipteter, als ich dachte. Das Medienmagazin DWDL bezeichnet Newtopia als „Scripted Entertainment“. Zumindest einige der TeilnehmerInnen erhalten Regieanweisungen, um das Format interessanter zu gestalten. Dabei beruft es sich auf ein vergangene Nacht versehentlich gestreamtes „Produktionsmeeting mit den Kandidaten“. In den Sozialen Netzwerken ist von #Faketopia die Rede.

Hier könnt ihr den Mitschnitt des Meetings hören:

 

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7 Kommentare to “Newtopia: Bauernverbände und Fake-Veganerin inklusive?”

  1. Da wurde doch was von „interaktiv“ gesagt .. kann man da eingreifen?

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  2. Welchen Heiko meinst Du denn? Der Landwirt in der Sendung heißt Christian, oder?
    http://www.maz-online.de/Lokales/Bildergalerien-Region/Das-sind-die-Newtopia-Kandidaten#p12

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    • In der Fernseh-Zusammenfassung taucht Heiko erstmalig in der vierten Ausgabe auf (das war gestern). In dem kostenlosen Livestream im Internet spielt er aber schon seit Tagen eine größere Rolle. Er besorgt den Siedlern allerlei Dinge, Eierkartons z.B., Sägen, Wecker, Milchflaschen usw. Außerdem hilft er beim Tauschen der Milch und Eier gegen andere Waren.

      Der Landwirt, den du meinst, heißt wirklich Christan (Spitzname Kalle). Christian ist einer der Bewohner/Siedler/Newtopianer/Kandidaten/Pioniere (oder wie man sie auch immer nennen möchte). Heiko ist keiner von ihnen. Er schläft Zuhause, außerhalb des Geländes. Er ist die Verbindung zur Außenwelt für sie.

      Danke aber für den Hinweis. Ich werde versuchen, es im Text oben deutlicher zu schreiben.

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      • So, habe folgenden Absatz im Text oben hinzugefügt bzw. ergänzt:

        „In den Fernseh-Zusammenfassungen erscheint er erstmalig gegen Ende von Folge 4. Vorgestellt wird er als „Nachbar-Bauer Heiko“. Im Internet-Livestream nimmt er jedoch schon seit Tagen eine wichtige Rolle für die Bewohner ein. Auch dort kommt er als hilfsbereiter Landwirt ohne Hintergedanken rüber. Er sorgt beispielsweise dafür, dass die Siedler Milch und Eier außerhalb des Geländes eingetauscht bekommen (sie dürfen das Gelände nicht verlassen), vermittelt ihnen eine kleine Melkmaschine und erledigt Vieles mehr in der Außenwelt für sie.“

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  3. „häufigen Werbeunterbrechungen“: [Ein Adblocker] hilft.

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