Unilever vs. Vegan-Mayo die Zweite: Beweise vernichtet wegen eigener Gesetzeswidrigkeiten?

Im Rechtsstreit mit dem veganen Mayonnaise-Hersteller Hampton Creek versuchte Unilever Beweise zu beseitigen. Die eigenen Mayo-Produkte widersprechen der Klage. Von der finanziellen Lage beider, Verbraucherstimmen, dem Versagen einer PR-Abteilung und Medienreaktionen – ein Update im Fall ‚Weltkonzern gegen Startup‘.

Letzte Woche berichtete ich über den merkwürdigen Fall: Unilever, einer der international größten Produzenten von Lebensmitteln und Hygieneprodukten, verklagt die vegane Konkurrenz. Das Unternehmen beschuldigt Hampton Creek der Verbrauchertäuschung. Mayonnaise müsse Ei enthalten. Die Gesetzeslage ist allerdings unklar. Und vielleicht hätte Unilever vorher besser vor der eigenen Tür kehren sollen. Denn wie sich nun herausstellt, lassen Unilevers eigene Mayo-Produkte weitaus mehr an der Rechtmäßigkeit zweifeln. Auch das Vorgehen des Konzerns könnte sich als rechtlich problematisch erweisen.

„Versehentliche“ Spurenbeseitigung

Unilever änderte Inhalte ihrer Internetseite. Und zwar so, dass einige der eigenen Produkte nicht mehr als Mayonnaise, sondern als ‚Mayonnaise Dressing‘ zu erkennen sind. Denn sie entsprechen nicht der vom Unternehmen selbst geforderten, angeblich gesetzlichen, Definition von Mayonnaise. Es wirft Hampton Creek also genau das vor, was es selber möglicherweise falsch gemacht hat. Das berichten mehrere englischsprachige Medien (hier, hier oder hier) und Hampton Creek. Darunter die New York Times und ABC News.

Meine Nachforschungen bestätigen die Berichte. Ein Blick in den Speicher von Google z.B. zeigt das Abbild der Internetseite vor und nach der Änderung (Screenshots: vorher / nachher). Die zuvor als Canola Cholesterol Free Mayonnaise bezeichnete Mayo, heißt nun Canola Cholesterol Free Mayonnaise Dressing. Auch eine industriekritische Anwältin hat dazu recherchiert. In ihrem Blog Eat Drink Politics schreibt sie, dass nur 50% von Unilever’s Mayo-Produkten der geforderten Definition entsprächen. Sie enthalten zu wenig pflanzliches Öl. Durch derartige feine Änderungen in der Wortwahl versucht Unilever wohl dem zu entgehen. Denn ‚Mayonnaise Dressing‘ ist gemäß der eigenen Klage nicht das Gleiche wie Mayonnaise. Auf deren Webseite allerdings sind alle Mayo-Produkte weiterhin unter dem Begriff Mayonnaise aufgeführt (Screenshot).

Auch Bewertungen von Kunden wurden geändert, wie New York Times und ABC News berichten. Nach Angaben von Hampton Creek soll Unilever zudem mindestens zehn Kundenbewertungen gelöscht haben. Sie hätten von Mayo oder ‚Mayonnaise gesprochen, obwohl es sich um Mayonnaise Dressing handelte. Was zunächst unbedeutend erscheint, könnte sich nach US-Recht als Fallstrick erweisen. Denn die Umformulierung der Kommentare könne als Verzerrung der Kundenerfahrungen ausgelegt werden, wie Michele Simon, die industriekritische Anwältin, in ihrem Blog anmerkt. Das sei rechtswidrig. Außerdem habe Unilever’s Social Media Abteilung Kommentare geliked, die Produkte als Mayonnaise bezeichneten, obwohl sie es laut gesetzlicher Regelung nicht sind. Auch das sei nicht erlaubt. Einen irreführenden Kommentar zu liken, werde als illegale Zustimmung gewertet.

Auf Nachfrage von ABC News äußerte sich Unilever nicht zu den Anschuldigungen. Tags zuvor entgegnete das Unternehmen jedoch, dass es schnell reagiert hätte, als die Probleme bekannt wurden. Sofort hätte es die betroffenden Stellen im Internet gelöscht. Das war am Freitag, den 14. November. Hampton Creek habe Unilever allerdings schon zehn Tage vorher darüber informiert, heißt es in der News York Times. Einige Kundenbewertungen wären „versehentlich bearbeitet“ worden.

Gute Folgen, schlechte Folgen

Die öffentlichen Reaktionen auf den Mayo-Streit verheißen nichts Gutes. Jedenfalls nicht für Unilever. Hampton Creek hingegen badet in Erfolg. Just Mayo – ihr Produkt – „erreichte in den vergangenen Wochen mehr Menschen, als in den zwei Jahren zuvor“, erzählt der Firmenchef Josh Tetrick. Nach eigenen Angaben hätten sie nun die Aufmerksamkeit von etlichen Millionen Menschen. Mehr als 110000 unterstützende Kommentare seien eingegangen. Die Verkaufszahlen hätten sich verdreifacht.

Ein Unternehmensberater für Markenbildung bezeichnete den Nutzen, den Hampton Creek aus dem Mayo-Streit zieht, als „unermesslich“. Der Vertrieb sei für kleine Unternehmen oft das größte Problem. Die Bekanntheit und Verbreitung in den Sozialen Medien, welche sie dank Unilever erreicht haben, sei „unbezahlbar“, zitiert ihn das Silicon Valley Business Journal.

Für Unilever ist die Geschichte ein PR-Desaster. Die Öffentlichkeitsarbeit habe in dreierlei Hinsicht versagt: kein proaktives Vorgehen zu Beginn der Klage, dann die Verweigerung von Stellungnahmen und später unzureichende Antworten.

Medien-Echo

Die meisten Medien scheinen Hampton Creek im Recht zu sehen. Die Berichterstattung ist überwiegend positiv, während Unilever weniger gut davonkommt. So titelte die Washington Post beispielsweise „[Unilever’s] sonderbarer Krieg um die Bedeutung von Mayonnaise“ und wunderte sich über die „seltsam defensive Haltung“. Das Wirtschaftsmagazin Forbes schrieb: „Ein großer Kerl klagt gegen einen kleinen Kerl, und am Ende hat einer ein Ei im Gesicht.“ Sogar von Seiten des ansonsten eher wirtschaftsfreundlichen US-Senders CNBC kamen kleine Sticheleien. Ein Moderator merkte scherzhaft an, dass die Mayo Clinic (eines der angesehensten Krankenhäusern in den USA und weltweit) ebenfalls kein Ei enthalte. Deshalb würden die vielleicht als nächstes von Unilever verklagt.

Warum?

Hampton Creek würde ihnen „Marktanteile wegnehmen“, wirft Unilever dem Hersteller pflanzlicher Mayonnaise vor. Marktbeobachter sehen in Unilever’s Verhalten Angst vor unerwarteter Konkurrenz, schreibt die Washington Post. Die Financial Times bescheinigt Unilever einen Rückgang der Verkaufszahlen im ersten Halbjahr 2014. Überhaupt seien die vergangenen Jahre schwer gewesen. Demgegenüber konnte Hampton Creek positive Erfolge feiern, wie bereits erwähnt.

Inzwischen hat sich der alternative Mayo-Hersteller juristischen Beistand in der Streitfrage geholt. Eine renommierte Anwaltskanzlei soll vor Gericht helfen. Boies, Schiller & Flexner hat auch schon Al Gore vertreten, den ehemaligen Vizepräsidenten der USA.

Verbraucherstimmen

Die Verbraucher scheinen mehrheitlich positiv gegenüber Hampton Creek eingestellt zu sein. Viele Menschen, die vorher noch nie von Just Mayo gehört hatten, wollen die pflanzliche Alternative nun probieren. Beispiele:

„Nie von Just Mayo gehört. Entdeckt, probiert, Lieben gelernt.“

„Ich habe nie von euch Leuten gehört, bevor ich von der Klage las. Ihr habt einen neuen Fan!“

Selbst ehemalige Käufer der Unilever-Mayo sind offenbar überzeugt (hier und hier):

„Just Mayo ist ein fantastisches Produkt, dessen Zeit gekommen ist … und das von einem Ex-Best Food [Unilever-Marke] Mädchen.“

„Ich war immer ein Hellmanns-Fan [Unilever-Marke]. Nun nicht mehr….“

„Wir waren 20 Jahre treue Fans von Hellmanns [Unilever-Marke] .. nicht mehr.“

„Ich muss zugeben, dass ich ein Miracel Whip-Mädchen war. Aber nun haben wir nur noch eimerweise Just Mayo!“

Auch viele Verbraucher mit einer Ei-Allergie freuen sich (z.B. hier, hier, hier). Sie haben in Just Mayo eine Alternative gefunden:

„Ich bin sicher, dass jeder der allergisch gegen Eier ist und vorher nichts von Just Mayo gehört hatte, Unilever dankbar ist für all die kostenlose Werbung. Ich hatte das Glück, [Just Mayo] direkt nach meiner Diagnose zu finden.“

„Wir LIEBEN Just Mayo – wir haben eine Ei-Allergie in der Familie.“

„Wir brauchen Alternativen! Danke für Ihre Bemühungen.“

Ein Kommentator aus Indien schrieb:

„Unilever verseuchte den See nahe meiner Heimatstadt in Indien mit Quecksilber.“

Andere Kommentatoren verteilen kleine Seitenhiebe gegen Unilever (hier und hier):

„Hab heute einige [Just Mayos] gekauft, nur, um das andere ‚Mayo‘-Unternehmen zu ärgern….“

„Hab heute noch eine Pulle Just Mayo gekauft, die ich nicht einmal brauche, nur um gegen Unilever zu sticheln.“

Aus etlichen Ländern der Welt kommen Anfragen, wann Just Mayo bei ihnen verfügbar sein werde (hier, hier, hier, hier, hier): Australien, Kanada, Niederlande, Deutschland, Großbritannien, Japan, Belgien, … Auch Vorschläge hinsichtlich einer Zusammenarbeit als Vertriebspartner im Ausland gehen ein.

In Deutschland gibt es Just Mayo bisher nicht. Hampton Creek plant aber innerhalb der nächsten zehn Wochen den Verkauf in Großbritannien zu starten. Neben der Mayo verkauft das Unternehmen vegane Cookies. An einem pflanzlichen Rührei wird gearbeitet.

 

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3 Responses to “Unilever vs. Vegan-Mayo die Zweite: Beweise vernichtet wegen eigener Gesetzeswidrigkeiten?”

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